Giles 202



Über Umwege erfuhr ich von einer in den USA verunfallten Giles 202, die als Lückenfüller in einem halb vollen Container über den großen Teich nach Deutschland kam.
Die erste Besichtigung war ernüchternd. Vorabinformationen im Internet ergaben,
dass wohl regulär keine Ersatzteile mehr zu haben sein würden.
Der Konstrukteur Richard Giles hatte die Produktion des Kits eingestellt, und alle Rechte an CAP verkauft.
Als zertifiziertes Kunstflugzeug CAP 222 sollte die Giles in Serie gehen.




Der Konkurs des französischen Flugzeugbauers beendete die Herstellung des Kohlefaserflugzeugs.
In der deutschen Kunstflugszene ist die Giles kein unbekanntes Flugzeug. Viele Piloten wussten, wer schon mal mit diesem Flugzeugtyp zu tun hatte. An erster Stelle stand Dr. Gerd Beierlein aus Gera. Er hat wohl die schönste und perfekteste Giles aus einem der letzten Kits von CAP
gebaut.

Nach einem ausgiebigen Treffen, zahlreichen Telefonaten und Mails konnte das Abenteuer beginnen.
Als Flugzeugwerkstatt entschied ich mich für meine Zimmereihalle, um nach Feierabend nahtlos vom Holzbauhandwerk zur nicht gewerblichen zivilen Luftfahrt übergehen zu können. Ganz oben in der hohen Halle wurden Räumlichkeiten geschaffen, die hell, warm und abschließbar waren.

Zu Baubeginn, im Herbst 2009, fand das erste Treffen mit Prüfer Klaus Frisch und Gutachter Dieter Thomas mit Assistent Werner Horfath statt. Zu begutachten waren das Unfallflugzeug, Neuteile aus Frankreich, Gebrauchtteile aus den USA und Deutschland.

 Mit Atemschutz und großem Trennschneider wurden die noch verwendbaren Teile aus dem Bruch freigelegt, aufgearbeitet und zur Transplantation vorbereitet. Alle beschädigten Teile wurden aufbewahrt und waren während der gesamten Bauphase eine wertvolle Hilfe als Anschauungsmaterial. Manche Bruchstellen haben auch zum Nachdenken und Modifizieren geführt. Viele Verkleidungsteile konnten aus den vorhandenen Bruchstücken rekonstruiert, abgeformt und neu hergestellt werden. Die besondere Herausforderung war der Baumix aus Neuteilen, Gebrauchtteilen und vorgefertigten Teilen vom Unfallflugzeug.

Dank der Unterstützung meines Fliegerkollegen Oli war die Struktur bereits im Mai 2010  „on gear“.
Für die Klebestellen, Reparaturstellen und selbst hergestellten Teile wurde ein Teil der Werkstatt zu einem Backofen umgebaut. 10 Std bei 80 °C sind Temperaturverhältnisse, die im Holzbau normalerweise mit der freiwilligen Feuerwehr enden. Mit Feuerlöscher und Nachtwache wurde die heiße Phase unbeschadet überstanden.

 Im Januar 2011 kam Klaus Frisch zur statischen Belastungsprobe. +-10g sind angsteinflößende Kräfte.
 In der fälschlichen Annahme auf den baldigen Erstflug meldete ich mich im Sommer 2011 zur Prüfung für die Umschreibung meines US PPL an. Die Erfahrung muss wohl jeder machen, dass ein Flugzeug noch lange nicht fliegt, auch wenn es schon wie ein Flugzeug aussieht:-)

Der Motor lief das erste Mal im November 2011. Der Standard IO 360 mit 200 PS wurde für den Kunstflug modifiziert. Für den bevorstehenden Winter war die ganze Zulassungsarbeit geplant. Mit Hilfestellung von Dieter Thomas und Gerd Beierlein wurde im Frühjahr 2012 die VVZ beantragt. Am Vormittag des 27. April  wurde die VVZ vom LBA zugestellt, 4 Stunden später war ich in der Luft.




Der Erstflug erfolgte ohne Probleme in Kaufbeuren auf 1,8 km Asphalt. Dank der Vorkenntnisse auf meiner Pitts S1 war das Handling  keine große Umstellung.

Ist eine Pitts schon als wendig und agil bekannt, topt die Giles alles um ein Vielfaches. Mit einer Rollrate von 500 °/sec und 7 Rollen in der Senkrechten wird eindeutig der Pilot zur Schwachstelle.
Für den überwiegend einsitzigen Betrieb wurde eine schnelle Einsitzerhaube gebaut, die der Giles einen hohen Nichtwiedererkennungswert verleiht.

Diese intensiven 2 ½ Jahre waren wie „das Kind und die heiße Herdplatte“. Prophezeihungen von  erfahrenen Flugzeugbauern erwiesen sich als absolut richtig, waren jedoch erst nach Beendigung des jeweiligen Bauabschnitts wirklich nachvollziehbar.

Übrigens:


Und zum Schluß ein dickes Herz aus Rauch für meine Frau.